Fallbeispiele

 

Ich habe die Sitzungen sehr verkürzt wiedergegeben. Es gibt immer wieder Pausen und zeitliche Längen, in denen der Klient seinen Empfindungen freien Lauf lässt oder die Handlungen ‚ausführt’, von denen er mir erzählt. Im Allgemeinen dauern die Sitzungen 60 – 90 Minuten, manchmal sogar länger.

 

 

Fall 1:

 

Der Klient litt unter ständiger Niedergeschlagenheit, durch die seine Ehe im Lauf der Zeit zunehmend belastet wurde. Außerdem war es ihm nicht möglich, mit seiner recht unternehmungslustigen Frau zu verreisen, da er unfähig war, in einem fremden Bett zu schlafen. - Als Vorinformation hatte er mir gesagt, dass er als Kind lungenkrank gewesen sei, und daher etwa zwei Jahre in verschiedenen Kliniken und Sanatorien verbringen musste. - In der Tiefenentspannung bitte ich ihn, sich ganz auf seine Traurigkeit einzulassen und einfach abzuwarten, was dann geschehen möchte. Es entsteht folgender Dialog:

 

 

Wir wussten beide noch nicht, was dieses innere Erleben für Folgen haben würde. Aber zur nächsten Sitzung kam der Klient strahlend und berichtete, dass er mit seiner Frau am Wochenende verreist war, in welchem Hotel er übernachtet und wie wunderbar er geschlafen hatte.

 

 

Fall 2:

 

Das Auto, in dem das 10-jährige Mädchen mit seiner Mutter unterwegs war, war auf einer glatten Straße ins Schleudern geraten. Das Auto prallte gegen eine Mauer. Mutter und Kind war nichts geschehen, nur das Auto hatte Schaden genommen. Aber danach hatte das Mädchen immer wieder das sich drehende Auto vor Augen, und es weigerte sich, mit der Mutter diese Strecke zu fahren. - Das Mädchen lässt sich sehr gut auf die Tiefenentspannung ein. Es kann sich sofort in die Szene hineinfühlen, in der sich das Auto gedreht hatte, und es schildert sie mir. Die Angst ist sofort wieder da.

 

B.: ‚Kannst Du Dich bitte mal ganz in  Deinen Körper hineinfühlen – wo spürst Du die Angst?’

Kl.: ‚Im Bauch’.

B.: ‚Lege doch bitte mal Deine Hände genau auf diese Stelle. Und nun atme einmal ganz fest genau da hinein, ganz fest, so als ob Du einen Luftballon aufblasen würdest – geht das?’

Kl.: ‚Ja, und der Luftballon ist ganz rot! – (sie atmet tief ein und aus) und er wird immer größer und größer – jetzt ist er schon ganz riesengroß – und jetzt fliegt er immer höher und höher – bis zum Mond! – (sie lacht fröhlich) – und jetzt bleibt er an der Spitze hängen – und jetzt platzt er und alle Teile des Luftballons fliegen weg und sind verschwunden!’

B.: ‚Wie ist es jetzt in Deinem Bauch – ist da noch ein bisschen Angst zu spüren?’

Kl.: ‚Nein, die ist jetzt ganz weg.’

B.: ‚Kannst Du Dir noch einmal vorstellen, wie Du mit Deiner Mama im Auto sitzt und die Straße lang fährst?’

Kl.: ‚Ja, aber ich habe keine Angst mehr. Das macht mir gar nichts aus.’

 

Die Angst vor dem Autofahren und vor dieser Strecke blieb auch in der Realität weiterhin völlig verschwunden.

 

 

Fall 3:

 

Eine Klientin von Mitte 40 hatte sich vor vielen Jahren von ihrem Mann getrennt, weil er gewalttätig geworden war. Sie lebte ein ganz normales Leben, aber schien eine gewisse Scheu vor Männern zu haben. Manchmal träumte sie noch immer von den Szenen, in denen sie von ihrem Mann bedroht worden war. – In der Tiefenentspannung bitte ich sie, noch einmal eine dieser Szenen zu visualisieren und mir zu schildern. Da ist die furchtbare Angst wieder ganz gegenwärtig.

 

B.: ‚Wie groß oder klein sind Sie, wenn Sie jetzt ihrem Mann so gegenüber stehen?’

Kl.: (mit leiser Stimme) ‚ich bin ganz winzig und fühle mich total ausgeliefert. Ich habe solche Angst’.

B.: ‚Spüren Sie bitte mal in Ihren Körper hinein – können Sie die Angst irgendwo lokalisieren?’

Kl.: ‚Ja, da ist ein großer Druck in meinem Bauch’.

B.: ‚Ist es Ihnen möglich, diesen Druck auszuhalten? - Und ihm sogar zu erlauben, noch größer zu werden?’

Kl.: ‚Ja - er wird groß wie ein Heißluftballon; (noch leiser, ängstlich) er fliegt mit mir davon – ich kauere mich in dem Korb zusammen und bin winzig klein.’

B.: ‚Können Sie sich vielleicht eine Strickleiter vorstellen oder fällt Ihnen irgendetwas anderes ein?’

Kl.: ‚Strickleiter ist gut. Damit klettere ich aus dem Korb - der Ballon steigt ohne mich immer höher und höher – er wird immer kleiner – jetzt sehe ich, dass er zerplatzt – und die Fetzen fliegen zu Boden. - (Mit fester Stimme) ich kehre sie alle zusammen und werfe sie in einen Bach, wo sie wegschwimmen – jetzt sind alle Reste verschwunden.’

B.: ‚Wie geht es Ihnen jetzt?’

Kl.: ‚Die Angst ist weg. Ich fühle mich groß und stark.’

B.: ‚Können Sie sich bitte noch einmal die Szene mit Ihrem Mann vorstellen? – Wie geht es Ihnen jetzt damit?’

Kl.: ‚Jetzt bin ich ganz groß und er ganz klein – (voller Wut) und jetzt habe ich Lust, ihn zu schlagen. – Nein, ich sehe ihn im Spiegel. Und den zerschlage ich jetzt mit einem großen Hammer! (Ich sehe, wie es in ihrem geröteten Gesicht heftig arbeitet und nach einiger Zeit sagt sie) – jetzt ist der Spiegel in tausend Scherben zerschlagen. - Ich fege sie zusammen und bringe sie alle zur Mülldeponie - dort wird alles verbrannt! –  (Mit einem erleichterten Seufzer) so, jetzt ist alles weg!’

B.: ‚Wie sieht es jetzt in ihrer Wohnung aus?’

Kl.: ‚Jetzt möchte ich noch sämtliche Möbel auf die Deponie bringen und verbrennen. – Ich will, dass alles wegkommt. – Und nun richte ich mir die Wohnung neu ein. – So gefällt es mir, und ich fühle mich richtig gut!’ 

 

Die Klientin ist nun in der Lage, Männern mit großer Unbefangenheit zu begegnen. Wir gehen beide davon aus, dass sie,  wenn ihr denn ein passender Mann begegnet, sich sehr gut auf eine neue Beziehung wird einlassen können.

 

 

Ein paar wichtige Bemerkungen

 

Wenn ich sehe, dass die ‚Ereignisse’ für den Klienten zu anstrengend werden oder auch mit zu heftigen Emotionen verbunden sind, biete ich ihm immer wieder ‚Ruheinseln’ an, auf denen er sich erholen kann.

 

Es ist mir ein besonderes Anliegen, jede Sitzung mit einem positiven Abschluss zu Ende zu bringen. Meistens ist der Klient erschöpft von den Anstrengungen (Aktivitäten des Gehirns verbrauchen sehr viel Energie!), immer erstaunt über die Dinge, die sich in ihm abgespielt haben, gleichzeitig aber auch sehr zufrieden mit dem jeweils Erreichten.

 

Außer den selbstverständlich notwendigen fundierten psychologischen Kenntnissen gibt es kein ‚Rezept’, das in jedem Fall, für jeden Menschen und in jeder Sitzung richtig wäre.

 

Die positive Veränderung geschieht während der Sitzung im selben Moment, da der Klient die belastende Situation neu erlebt und auf seine ganz eigene Weise angemessen sowohl emotional als auch ‚ganz konkret’ reagieren kann. Er kann sich aktiv und aus eigener Kraft (!) aus seiner Hilflosigkeit befreien.

 

Das Erleben eigener heftiger Aggression, die in der Tiefenentspannung ausgelebt werden darf, ist ein ungemein befreiender Prozess, der Aggression in der Realität überflüssig macht.

 

So sorgfältig, wie der Klient in die Tiefenentspannung geführt wurde, wird er auch wieder herausgeführt. Das ist wichtig für Herz und Kreislauf, aber auch dafür, dass er sofort wieder in die Gegenwart zurückfindet.